Aus den 80ern


Aus den 80ern

Festschrift 50 Jahre GyGo / Otto-Schott-Gymnasium Mainz-Gonsenheim

ADRIAN WERUM

awerum

6/2/20224 min read

Festschrift zum 50-jährigen Bestehen des Otto-Schott-Gymnasiums ( GyGo) Mainz-Gonsenheim


Ich grüße das Otto-Schott-Gymnasium aus einer Zeit, in der noch niemand wußte, wer dieser Otto Schott war und man sich noch ganz wohlfühlte mit der vielleicht heute etwas antiquarisch anmutenden Abkürzung GYGO, der auch noch niemand besondere Exzellenz anmerkte. Unsere 80er Jahre waren geprägt durch die letzten Hippies, die sich dann die Haare abschnitten und in weiße Anzüge wechselten. Als wir die Schule schwänzten, um gegen die NATO-Nachrüstung zu protestieren, bekamen wir Tadel mit Klassenbucheintrag: ohne moralischen Zeigefinger, aber mit der klaren Ansage, daß man für seine Aktionen auch die Konsequenzen tragen muß. Die Hippies wurden damals auch schon zu kleinen Kapitalisten mit grünem „Anti-Atomkraft“ Aufkleber.

Ein charakteristischer Spruch für die damalige Zeit war unter anderem: „Liegt der Popper tot im Keller, war der Punker wieder schneller“. Zu den Poppern gehörte zumindest optisch auch der heutige Oberbürgermeister Michael Ebling, dessen tägliches Utensil Aktenkoffer schon von seinen späteren Ambitionen sprach. Als sich ein gewisses rhetorisches Talent bei mir in der SMV bemerkbar machte, wurde ich dementensprechend sowohl von der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend angeworben wie vom oben erwähnten Michael Ebling, der damals Vorsitzender der „Marxisten in der SPD“ war.

Um diese spätrevolutionären Blüten nicht zu weit gedeihen zu lassen, hatten wir noch einige konservative Lehrer inklusive des Direktors, die sich zugegebenermaßen immer schon behaupten mußten in einer Schule, wo die meisten Lehrer direkt von den Demonstrationen mit „Ho-Tschi-Minh“ Rufen gegen den Vietnamkrieg in den Staatsdienst kamen und ihren Marsch durch die Institutionen begannen.

Konservativ bedeutete damals klare Prinzipien, geprägt durch Verantwortung und christliche Ethik. Interessanterweise blieben diese Lehrer am meisten in Erinnerung: So etwa mein Nachbar Herr OStr Karrasch, ein kantiger Ostpreuße mit sardonischem Lachen hinter seinen starken, die Augen vervielfachenden Brillengläsern. Wir standen zwei und zwei in Reih und Glied vor dem Klassenzimmer, gingen still an unseren Platz. Dann folgte das „Guten Morgen!“ des Herrn Karrasch. Wir antworteten noch im Stehen und in grader Haltung „Guten Morgen, Herr Karrasch!“ und setzten uns erst, nach dem sein erlösendes Wort „Setzen“ kam.

Da war auch noch der Herr Wetterling, für Sozialkunde zuständig, der im braunen Anzug süffisant scherzte: “Braun ist meine Lieblingsfarbe“ und vor allem Herr Kalinowski, der, in seiner Körpersprache durchaus blumig und elegant, mir früh nahegelegte, für die politische Karriere in den CV zu gehen. Im Unterricht motivierte er uns durch französische Lieder und die Interpretation der Metaphern: „Qu’est ce que ca veut dire? Bei der Dame die Tonleiter hochsteigen ? Bitte erklären Sie!“

Keinem klaren politischen Spektrum zuzurechnen war Herr Gassebner: Eine solch prägende Persönlichkeit in Deutsch und Philosophie, daß ich heute noch ehemalige Klassenkameraden kenne, die sich mit seinen Sätzen das Leben erklären. Einen Blick in die soziale Realität der Zeit eröffnet diese Anekdote: Anlässlich unseres Schüleraustausches mit Frankreich erhielten meine Eltern einen Anruf unserer Französischlehrerin mit der dringenden Bitte, ob wir als bekannt frankophile Familie noch eine weitere Schülerin aufnehmen könnten. Was es damit auf sich hatte, erklärte sich, als mein Vater und ich in die Zwerchallee zu einer Mitschülerin fuhren. Damals das Wohnviertel mit dem schlimmsten Ruf in Mainz, kamen wir durch das Treppenhaus in die Wohnung meiner Mitschülerin. Schreiende Stimmen führten uns in die richtige Richtung. Die Eltern in Feinrippunterwäsche durch die Wohnung wuselnd, der Gestank von abgestandenem Dosenbier deutlich erkenntlich, nahmen wir das verschreckte französische Mädchen zu uns und überführten sie so vom proletarischen zum bürgerlichen Alkoholikerhaushalt.

Dieser kleine Unterschied machte es dann aus, daß meine Mitschülerin, obwohl hochbegabt, schon bald die Schule verlassen mußte, während ich problemlos das Abitur machen konnte. Damals konnte man schon erkennen, was eines Tages aus der Grünen-Bewegung werden würde. Als ich in meiner Abiturrede 1988 mich über die Lerchenberger Reihenhausexistenzen mit Ihren Golfs und dem grünen Gewissen lustig machte, bekam ich dementsprechend wohlwollende Reaktionen der konservativ-bürgerlichen Lehrer und eine verschämt-düpierte der Lehrer, die uns sogenannt linksliberal prägen wollten.

Wie weit es mit dieser Liberalität her war, konnte man besonders an dem OStr Kretschmer sehen, seines Zeichens natürlich Biologielehrer und ehemaliger Raucher, der mit der Vehemenz einer maoistischen Studentengruppe gegen alle rauchenden Schüler vorging. Seine alternative Ernährung gab er uns dann bei einem Wochenende in Winterburg: Knoblauch in jedem Essen, von morgens bis abends, so daß am folgenden Montag die anderen Lehrer einer nach dem anderen vor dem Gestank aus dem Zimmer flohen, um dann direkt in den Armen unserer Deutschlehrerin Frau Drewing zu landen, die wie eine feministische Jeanne d’Arc weit sichtbar mit Ihrem wallenden lila Umhang durch den Gang wandelte.

Die Faulen im Kollegium, die dann doch irgendwie alle befördert wurden, obwohl sie teilweise mehr als die Hälfte der Zeit krank waren, wollen wir hier lieber übergehen. Lieber wollen wir noch sprechen von den vielen AGs, die wir hatten: Italienisch, Philosophie, Chinesisch, Geigenunterricht und die hohe Qualität der Chöre und Orchester. Unvergessen Georg Hartrath, Dirigent des Schulorchesters, der durch seinen Weggang nach Paris uns schmerzlich bewußt machte, wie wichtig ein guter Dirigent für ein Orchester ist. Was Herr Hartrath fürs Orchester, war Herr Brühl für den Chor.

Und nah an der Musik ist natürlich auch die Religion: die nächtelangen Diskussionen mit Herrn Schulte in Kloster Jakobsberg unter Zuhilfenahme von christlich sanktionierten Drogen erhellten unsere Weltsicht noch auf lange Zeit. In diesem Sinne herzliche Grüße aus der Zeit der ersten schwulen Popgruppen, der ersten schmuddeligen Pornos und der „Vokuhila“ -( Vorne kurz, hinten lang ) Frisuren:

1.Das Schönste, was die Schule bieten kann, ist Herausforderung und Widerstand durch die Kraft der Persönlichkeit.

2.Toleranz ist oft nur eine Ausrede für Faulheit.

Oder wie der alte weiße Mann Charles Bukowski mal sagte:

3.„if you’re going to try, go all the way. otherwise, don’t even start. do it. all the way you will ride life straight to perfect laughter, its the only good fight there is.“

Mit freundlichen Grüßen

Adrian Sebastian Werum