Bedeutung & Ich


Bedeutung & Ich

Anmerkungen zu Nietzsche, Goethe und dem ganz persönlichen Sinn des Lebens

ADRIAN WERUM

awerum

6/2/20224 min gelesen

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Bei der unglaublichen Fülle an tiefgründigen Gedanken von Friedrich Nietzsche ist es schwierig, einen Lieblingsgedanken zu finden. Eine, die dem sehr nahe kommt, ist Nietzsches Idee, dass, wenn man genau hinsieht, jeder Mensch eigentlich seine eigene Philosophie hat.

Das heißt: Das eigene Leben mit seinen Erfahrungen von frühester Kindheit an prägt die praktische Philosophie des Einzelnen in höchstem Maße.

Passend dazu wird dann entsprechend auf die passenden Texte & Begründungen verwiesen. Im besten Fall erweitern diese wiederum die private Philosophie zu einer größeren und freieren Sicht auf die Welt.

Prägend waren für mich die von mir als Selbstzerstörung des eigenen Lebens empfundene Zerstörung des Lebens am Beispiel meiner Mutter und meines Onkels Roland. Aufgrund der Distanz der Generationen aus der Sicht des Kindes wird mir die Komplexität ihres Lebens immer teilweise verborgen bleiben, und damit auch die Gründe für die innere Verzweiflung, die in beiden Fällen zu Alkoholismus und körperlichem wie sozialem Abstieg führte, aber mir war intuitiv klar, dass dies ein gefährlicher Strudel war, dem ich mich mit aller Kraft entgegenstellen musste.

Eine Quelle der Kraft, zu der ich mich im Laufe meines Lebens in unterschiedlichem Maße hingezogen gefühlt habe, ist der christliche Glaube. Im Alter von etwa 8-10 Jahren bin ich so sehr darin versunken, dass ich auch daran dachte, Priester zu werden. Mit der extremen Entschlossenheit, die mir immer eigen war und die man manchmal nur schwer von Fanatismus und Sturheit unterscheiden konnte, besuchte ich unter der Woche die Frühmesse, noch bevor die Schule begann, und betete den Rosenkranz.

Später, mit zunehmender Gelehrsamkeit und einer gewissen narzisstischen Freude an meinem eigenen Intellekt, begann ich, all dies mit der größten Freude an Zerstörung und intellektuellem Blödsinn in Frage zu stellen, vor allem im Zusammenhang mit dem bald beginnenden Kommunionunterricht.

Der zweite Weg zum Glauben führte nach dem Ende meiner Ehe und Familie und dem damit einhergehenden Gefühl einer gewissen Verlorenheit und Bodenlosigkeit über die Musik von Bach. Ich sehe das Bild noch vor mir: meine spielenden Kinder auf dem Spielplatz von Liesborn in Westfalen, auf dem es auch eine Art Klangskulptur gab, an der man seinen ganz eigenen Sound ausprobieren konnte, im Hintergrund die schöne Abtei:

Mit einem Mal wurde mir klar, dass die Musik, die ich komponierte, eine neue Bedeutung bekam: in Demut vor Gott und seiner Schöpfung.

Das, so schien es mir, war es, was Bachs Musik vor vielen anderen so großartig machte: Seine Bereitschaft, sein Talent nicht als Selbstzweck glänzen zu lassen, sondern sich in gewisser Weise zu demütigen, um sich aus freien Stücken einen Rahmen zu setzen, zu dessen Vollendung er nun seinen Beitrag leistet. Auf diesem Grundgedanken aufbauend, ließ ich mich nun leiten und versuchte, mich für den Weg zu öffnen, den Gott für mich vorgesehen hatte.

Und je mehr das reale Leben auf mir lastete, sei es mit unglücklichen Beziehungen oder materiellen Sorgen, desto mehr gewann ich durch Meditation und Konzentration auf diesen Weg, der nur im Verborgenen zu finden ist. So begann gewissermaßen das „Orchester der Kulturen“ und noch mehr der „Geist des Einen“ und der „Chor der Kulturen“.

Doch zurück zu meiner unmittelbaren Lebenserfahrung: Es schien mir, dass das Unglück meiner Mutter und meines Onkels, und in gewisser Weise auch meines Vaters, einerseits aus dem Gefühl der Einsamkeit und Wehrlosigkeit, andererseits aus der Sehnsucht nach Bestätigung und Liebe entsprang. Alles menschlich absolut verständliche Sehnsüchte, die wohl jedem Menschen innewohnen. Was aber, wenn es keine Entsprechung außerhalb der eigenen Person gibt?

Ich kann keinen anderen Menschen dazu zwingen, meine Einsamkeit zu beenden. Ich kann mein Leben jederzeit ändern. Was aber, wenn mir das Selbstvertrauen dazu fehlt? Was ist, wenn ich kein Vertrauen in mich selbst habe?

Alle Eltern wissen, wie schwierig es ist, nur einem Kind gerecht zu werden. Mit mehreren Kindern wird es schwierig sein, sich immer so zu konzentrieren und zu lieben, dass alle Bedürfnisse der Kinder erfüllt werden. Es wird also immer eine Rechtfertigung haben, den Eltern die Schuld für mangelnde Liebe und Ermutigung zu geben, und damit auch für die innere Leere und die schlechten Entscheidungen im eigenen Leben. Es ist leicht, den Mangel an Liebe im eigenen Leben auf den Partner, auf Gott, auf die Gesellschaft zu projizieren und im Falle einer fehlenden Erwiderung diese für das eigene Unglück verantwortlich zu machen.

Aber vielleicht liegt der Fehler ja schon im Gerangel der Sinnsuche? Die Sehnsucht des Ichs nach Bestätigung und Sinn des eigenen Lebens wird auf so viele Arten gestreut, in der vagen Hoffnung, dass möglichst viele Bestätigungen das Aufwachen jeden Tag erleichtern.

Mir scheint ein radikal einfacher Weg der beste zu sein: Legen Sie a priori fest, dass Ihre Existenz einen Sinn hat. Legen Sie a priori fest, dass jede Existenz einen Sinn hat. Es ist nicht einmal entscheidend, was genau dieser Sinn ist: Wissen, Schönheit, Wahrheit, Liebe…. All dies sind letztlich nur Teilantworten für die starke Behauptung:

Das, was ich bin, hat Bedeutung.

Was, das wird sich schon zeigen… Ähnlich, aber doch anders, ist Goethes Satz von: „Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst“, der allerdings eine leichte Absurdität in sich birgt, da es sich um die Verwirklichung eines Übergeordneten handelt, für den man in gewissem Sinne die Verantwortung abgibt.

Ich befasse mich mit der willentlichen Positionierung des Individuums: Ich erkenne, dass die Suche nach Sinn in jeder Form nur zu Unglück und Selbstzerstörung führt. Deshalb behaupte ich meinen eigenen Sinn.

Dieser Gedanke ist dann näher an Nietzsches viel geschmähtem Konzept des Übermenschen. Es entspricht meiner Lebenserfahrung, dass bei allen Schwierigkeiten des Lebens, die einen leicht in Verzweiflung und Lebensmüdigkeit stürzen können, die Lösung letztlich immer in einem selbst zu finden ist.

Auch das Gebet kann manchmal die erste Verzweiflung lindern, denn ein Stoßgebet und die Hoffnung können einen ein paar Schritte weiterbringen.

Aber gerade wenn man die christliche Vorstellung ernst nimmt, dass der Mensch ein gottbegabtes Wesen ist, dann liegt die höchste Wahrscheinlichkeit für die Lösung eines Problems in einem selbst, genauer gesagt in dem gottbegabten Teil unseres Wesens. Und wie versteckt die Lösung auch sein mag: Die Überzeugung, dass der Ort des Problems ( nämlich das Ich ) auch seine Lösung birgt, ist die größtmögliche Kraft des eigenen Lebens.

Und da in jedem von uns nicht nur das individuelle Leben zu Hause ist, sondern auch die universelle Kraft des Lebens, haben wir auch immer, wenn auch manchmal schwieriger, Zugang zu dieser Urinspiration des Universums, die den ganzen Kosmos umspannt. Jeder mag seine eigenen Wege entwickeln, um dorthin zu gelangen: Stille, Natur, Meditation, Gebet, Musik, Kunst, Poesie… sie alle eröffnen Wege.

Entscheidend ist die innere Überzeugung, selbst die Quelle der Kraft zu sein.