Charakter von Tönen und Kulturen


Charakter von Tönen und Kulturen

abschweifende Gedanken

ADRIAN WERUM

awerum

12/31/20213 min lesen

In meiner Bibliothek gibt es noch ein antiquarisches Buch über den Charakter der Tonarten: eine sehr wissenschaftliche Analyse aller existierenden Tonarten des Dur-Moll-Systems des Westens. Diese Betrachtungsweise war im 19. Jahrhundert sehr beliebt und brachte eine Fülle schöner Adjektive hervor, die die Hypothese stützten, dass die Wahl der Tonart durch den Komponisten den Charakter des Werkes wesentlich bestimmt.

Gestatten Sie mir eine kleine Randbemerkung: Was damals als wissenschaftlich galt, wird heute nicht einmal mehr als diskutabel angesehen. Als kleines Gedankenexperiment möchte ich die Gelegenheit nutzen, den Charakter der Töne auf den Charakter des aktuellen Pandemiemanagements zu übertragen. Als Leser von internationalen Zeitungen finde ich es sehr faszinierend, wie ein so universelles Problem mit völlig unterschiedlichen Mentalitäten angegangen wird. Es zeigt sich, dass ein und dieselbe Krankheit je nach Kultur sehr unterschiedlich betrachtet wird. Man landet sofort bei einem Merkmal der Völker, das sich in den letzten hundert Jahren nicht so stark entwickelt hat.

Ich erinnere mich noch gut an die Freude in Europa über die anfängliche Ohnmacht der Amerikaner zu Beginn der Pandemie. Damals musste ich zu vielen Leuten sagen: „Moment mal.“ Und siehe da: Es hat sich gezeigt, dass sich die Qualitäten der Amerikaner auch in der Krise von der besten Seite gezeigt haben: Initiative, Improvisation, Erfindungsreichtum, Unternehmergeist. Und ähnlich wie die Japaner nach Pearl Harbour waren viele auch dieses Mal zu früh glücklich.

Um bei der etwas provokanten Analogie zum Zweiten Weltkrieg zu bleiben:

Die Deutschen sind immer gut darin, einen Plan auszuführen, wissen Sie. Sie sind detailverliebt und zeigen großen Stolz auf die Unfehlbarkeit Ihres eigenen Systems. Und das geht so lange gut, bis nichts mehr dazwischen kommt. Aber wehe, wenn!

Dann funktioniert nichts mehr. Niemand tut etwas Ungeplantes auf eigene Verantwortung. Alle warten auf den Befehl des Führers, der aber nicht kommt. Und dann war da leider noch Stalingrad. Wenn man einmal ein funktionierendes System in Deutschland hat, ist es praktisch unbesiegbar. Das gilt für den Fußball ebenso wie für den Maschinenbau oder die Wirtschaft und Kultur im Allgemeinen. Was in dieser Phase der Unbesiegbarkeit leider völlig verloren geht, ist die individuelle Stimme, der Ort des einfachen Seins jenseits der unerbittlichen Forderungen der Maschinengesellschaft, die unablässig auf den Einzelnen eindrischt.

Das ist es, was wir in all den Jahren seit der Wiedervereinigung erlebt haben:

5 Länder, die früher ein Land waren, haben ihre Seelen chirurgisch entfernt bekommen, so dass kein Gasthaus und kein Jugendclub mehr übrig sind. Eine gigantische Reserve für eine alternde Bevölkerung, die sich nur auf den Parkplätzen der ALDI-Supermärkte treffen kann. Ein gesamtdeutsches Kulturleben, das die gleichen Stücke wie verrückt wiederholt, in der verrückten Hoffnung, dass ein verändertes Design des Programmheftes die Hilflosigkeit der eigenen Rolle in der Gesellschaft beschönigen kann. Trotz jahrzehntelanger Erkenntnisse, wie der Verkehr anders organisiert werden kann, pendeln immer mehr Menschen immer länger mit dem privaten Auto zu ihrem Arbeitsplatz, in einem regelrechten Mobilitätsrausch, der das Leben und Wohnen aushöhlt und leer macht.

Jetzt erleben wir, wie dieses ganze System allmählich zusammenbricht und alle offenen Fragen nach Sinn und Wert im Individuum und in der Gesellschaft aufgeworfen werden. Die Leere, die sich dort auftut, wird für viele Menschen beängstigend sein. Eine Erkenntnis, die dann vielleicht kommen wird, ist, dass das intellektuelle Leben in der Bundesrepublik Deutschland seit sehr langer Zeit verkümmert ist.

Ironischerweise erweisen sich die Völker, die wegen ihrer offensichtlichen Langsamkeit und Unorganisiertheit immer ein wenig belächelt wurden, als die widerstandsfähigsten. Trotz aller politischen Auseinandersetzungen, an die zum Beispiel die Italiener aus Rom gewöhnt sind, zeigt sich in der Krise eine außergewöhnliche Gelassenheit. Ein Volk, das den Einmarsch der Deutschen und den Untergang von Imperien so überlebt hat, dass sich die Historiker noch immer darüber streiten, ob und wie das Römische Reich überhaupt untergegangen ist, weiß, wie man eine Pandemie mit anderen Krisen in Verbindung bringt.

Last but not least die Russen: Mir ist der Satz einer russischen Tänzerin bei einer Zimmerparty im Theater in St. Petersburg noch in Erinnerung: „Wir Russen fangen keine Kriege an, wir beenden sie.“ Extreme in Geschichte und Klima sind bekannt. Selbst wenn hier mehr Menschen sterben, wird dies mit einer Mischung aus Fatalismus und stoischer Erkenntnis, dass das Leben hart ist, akzeptiert.

Bei all den Vorurteilen und ungerechtfertigten Ängsten, die in Zeiten wie diesen in der Welt um sich greifen, ist es erstaunlich, wie Menschen über alle kulturellen und sprachlichen Barrieren hinweg zusammenarbeiten können, egal ob es um Nachrichten im Allgemeinen oder um etwas so Komplexes wie die Entwicklung eines Impfstoffs geht.

Einer der größten evolutionären Vorteile unserer Spezies ist nach wie vor der eigenständig vorgenommene Perspektivwechsel. Die Fähigkeit, den eigenen Standpunkt zu ändern und ein Problem aus einer anderen Perspektive zu betrachten, indem man das Verhalten anderer Menschen beobachtet oder selbst denkt. Vielleicht sogar eine Lösung für ein anderes Problem in einem Problem zu finden.

Gerade im kleinen Europa profitieren die Menschen seit Jahrhunderten vom Austausch und von der Vielfalt der Lösungen und kulturellen Eigenheiten. Das war immer die Stärke des Kontinents, der immer ein Kontinent der Ideen war, die auf kleinem Raum gediehen.

Hoffen wir alle, dass uns diese Fähigkeiten nicht im Stich lassen!