Essays aus Mitteleuropa , Teil 1


Essays aus Mitteleuropa , Teil 1

Ein Reiseroman

ADRIAN WERUM

awerum

10/17/20212 min lesen

Im Oktober dieses Jahres habe ich mich auf meine familiären Wurzeln zurückbesonnen und eine kleine Reise über Marienbad nach Schlesien, der Heimat meiner Familie mütterlicherseits, unternommen.

Alles begann damit, dass ich letztes Jahr feststellte, dass ich als erwachsener Mann wieder in die Heimat der Familie meiner Mutter reisen wollte und musste. Im Gegensatz zu vielen Menschen in Deutschland, deren Vater oder Mutter vertrieben wurden, war es mir vergönnt, die Heimat meiner Mutter noch als Kind kennen zu lernen. Das hatte mit der besonderen Situation meiner Familie nach dem Krieg zu tun. Da das oberschlesische Industriegebiet nahe der polnischen Grenze lag, konnten sie auch Polnisch und beschlossen, trotz der zahlreichen Repressalien nach dem Krieg dort zu bleiben. Meine Mutter zum Beispiel ist erst nach der polnischen Matura in den Westen gezogen. Andere Verwandte taten dies erst in den frühen 1970er Jahren. Meine Mutter sprach perfekt Polnisch und hatte zahlreiche persönliche Kontakte aus ihrer Jugendzeit. So fuhren meine Eltern oft durch die noch kommunistischere DDR ins kommunistische Polen, vermittelten meinen Vater an Taubstumme, sammelten Kunstwerke polnischer Maler und viele andere Schätze, die den im real existierenden Knappheitsmaterialismus geschulten Zollbeamten nicht wertvoll erschienen.

Ich wurde bei den Eltern eines Jugendfreundes meiner Mutter auf einem kleinen oberschlesischen Bauernhof zurückgelassen, wo sie fast alles selbst machten. Ich erinnere mich noch an das Butterfass, die Schweineschlachtung, die riesigen Kühe, die ich von Hand gemolken habe, die erschreckend hysterischen Truthähne und nicht zuletzt an die unheimlich tiefen Teiche hinter dem Haus, die durch eingestürzte Kohlestollen entstanden waren.

Als ich von meiner Reise erzählte, gab es in ganz Deutschland die gleiche Reaktion: Jeder hatte Verwandte in den ehemaligen Ostgebieten: ob Ostpreußen, Schlesien, Sudetenland oder andere Gebiete. Alle ermutigten mich, die Reise zu machen, und alle gaben zu, dass sie noch nie in der Heimat ihrer Familie gewesen waren. Auch wenn ich nicht alle Einzelschicksale kenne: Ich kann sie nachvollziehen. Das oft unausgesprochene Trauma der verlorenen Heimat, die vielen damit verbundenen Leiden, die man ertragen musste – all das lud nie wieder dazu ein, sich damit auseinanderzusetzen. Stattdessen gab die jüngere Generation oft den Versuch auf, von der älteren Generation etwas über die unbekannte Heimat im Osten zu erfahren. Es sind schon viel zu viele Menschen gestorben, die alles, was mit ihrer Jugend verbunden war, in ihrer Seele verschlossen haben und so taten, als sei alles unwiderruflich vorbei.

Je weiter ich nach Osten kam, desto mehr wurde mir klar, wie wenig das stimmte.

Fortsetzung folgt…..