Essays aus Mitteleuropa, Teil 2


Essays aus Mitteleuropa, Teil 2

Ein Reiseroman

ADRIAN WERUM

awerum

10/17/20213 min gelesen

Marienbad

Als ich auf der Landkarte meines Gedächtnisses der Namen der böhmischen Modebäder zu entscheiden versuchte, ob ich Karlsbad, Franzensbad oder Marienbad besuchen sollte, kam mir Goethe zu Hilfe. Die „Marienbader Elegie“ war mir noch als Gedicht und als Episode aus seinem Leben bekannt. Und so fiel die Entscheidung recht schnell, begünstigt durch die gute Erreichbarkeit über die Autobahn Nürnberg-Prag.

Die Oberpfalz, die man auf dem Weg nach Marienbad durchquert, ist keineswegs so karg und arm, wie sie zu Zeiten des Komponisten Max Reger gewesen sein mag. Gepflegte Kleinstädte mit hochmodernen Gewerbegebieten zeugen vom dynamischen Wandel, den das ehemalige Agrarland Bayern vollzogen hat.

Die unbesetzten Grenzanlagen zur Tschechischen Republik gehören für mich immer noch zu den Wundern der jüngeren europäischen Geschichte. Die fanatisch genauen und fast sadistischen Grenzkontrollen des untergegangenen kommunistischen Regimes sind mir noch zu lebendig.

Das Sudetenland hinter der Grenze zeigt noch immer die Abwanderung der deutschen Bevölkerung. Im Vergleich zum Rest der Tschechischen Republik hinkt die Wirtschaft hier noch weit hinterher.

Dünn besiedelt, durchsetzt mit oft leicht verfallenen kleinen alten Bauernhäusern, erlebt man hier dagegen eine Ruhe und Romantik des Ländlichen, die drüben in Bayern meist längst hinter der hochwirksamen Hektik verloren gegangen ist.

Der Zauber einer Landstraße mit ihren zarten Birken ist schwer in Worte zu fassen. Wie Girlanden wehen die äußeren Zweige hin und her und verdoppeln ihre Wirkung, wenn sie sich im Wasser der nahen Teiche spiegeln. Man ist schon ganz in der Erwartung einsamen Landlebens, wenn Marienbad wie eine Fata Morgana des 19. Jahrhunderts in dieser friedlichen Idylle auftaucht.

Inmitten der großen Wälder der Region, in einem wildromantischen Tal, erhebt sich eine unvergleichliche Pracht, neben der die anderen berühmten Heilbäder Europas fast verblassen. Die Architektur ist überwältigend in ihrem Sinn für Proportionen und Schönheit. Es ist unvorstellbar, wie all die Tragödien des 20. Jahrhunderts so wenig Auswirkungen auf diese Welt haben konnten. Noch heute ist Marienbad ein Symbol für die schönsten Dinge der europäischen Kultur.

So passt Goethes Marienbader Elegie in ihrer heute fast grotesk anmutenden Verliebtheit in das Alter, die sich dann zu unvorstellbarer Leidenschaft steigert, wunderbar in dieses Kleinod zwischen den hohen Buchenwäldern Westböhmens.

Der ganze Ort scheint völlig losgelöst von der Informationsflut und den eingebildeten oder gefühlten Katastrophen des 21. Jahrhunderts. Und dann doch nicht: Viele der aristokratischen Wohnungen stehen leer und die Bewohner wandern nach Prag oder zum Arbeiten nach Deutschland ab.

Am Sonntag findet ein zweisprachiger evangelischer Gottesdienst statt, bei dem der Pfarrer auch als Organist fungiert. Er ist eine wahre Allzweckwaffe des Herrn und bringt die Lieder vom Blatt sogar in die richtige Tonart für die Gemeinde. Viele Lieder wanderten zwischen den Kulturkreisen Europas und zeigten einmal mehr, wie eng dieser Kontinent kulturell verwoben ist.

Die Botschaft der Predigt, die mahnt, sich nicht zu sehr auf die Versuchungen der Gegenwart einzulassen, wirkt in diesem Rahmen authentisch und erzählt von den langen Zeiträumen, in denen die Kirche denkt. Eine Wohltat ist aber auch das sorgfältige Deutsch des Pfarrers, der, vielleicht ohne es zu wollen, die Schönheit der Sprache hervorhebt.

Als ich am nächsten Morgen abreise, fühle ich mich auf dem Gemüt erfrischt, ein Wort, das ich auch schon fast vergessen hatte. Es ist schwer zu sagen, was die größere Erfrischung war: die überall sprudelnden Mineralquellen oder das Gefühl, in der Heimat meiner eigenen Kultur angekommen zu sein.

Zum Schluss noch ein paar Zeilen aus Goethes Marienbader Elegie:

In unserem reinen Busen wogt ein Streben,

Zu einem höheren, reineren, unbekannten

Aus Dankbarkeit ergeben Sie sich freiwillig,

Das ewig Unbekannte enträtseln;

Wir nennen es: fromm sein! – Solch eine gesegnete Höhe

Ich spüre, wie ich daran teilhabe, wenn ich vor ihr stehe.

Und hier ist der schönste Rahmen, den man diesem Gedicht geben kann:

Stefan Zweigs „Sternstunden der Menschheit“:

https://de.wikipedia.org/wiki/Sternstunden_der_Menschheit