Philosophie des Weins


Philosophie des Weins

Die Wechselwirkung von Alkohol und Philosophie

ADRIAN WERUM

awerum

1/8/20223 min gelesen

Nietzsche kam zu der wunderbaren Erkenntnis, dass eigentlich jeder Mensch seine eigene Philosophie hat. Es ist also nicht so wichtig, ob man sich als Kantianer, Existentialist oder gar als Christ versteht. Das individuelle Leben prägt entscheidend die daraus resultierende praktische Philosophie des Einzelnen.

Aber ich bin der Meinung, dass trotz aller Individualität bestimmte philosophische Prinzipien nur aus dem jeweiligen Kulturkreis heraus verstanden werden können. Daher die Faszination und die gleichzeitige Unverständlichkeit der westlichen für die östliche Philosophie und umgekehrt.

Doch was genau kennzeichnet den Kulturraum? Klima, Geschichte, Sozialstruktur … alles gute und richtige Antworten. Aber als gebürtiger Mainzer am Rhein kommt mir natürlich auch Alkohol in Form von Wein in den Sinn.

So wie meine Kompositionen wie ein zur Musik gewordenes Mainzer Weinhaus sind (man setzt sich mit wildfremden Menschen an einen Tisch, trinkt Wein, isst, unterhält sich mit allen und hat einen wunderbaren Abend mit neuen Eindrücken und möglicherweise neuen Freunden), so ist auch die Philosophie des rheinischen Katholizismus („Jedem Tierchen sein Pläsierchen“ bei gleichzeitiger begründeter Ablehnung jeglichen Radikalismus) ohne den Genuss von Weißwein schwer vorstellbar.

Besonders deutlich wird dies auf dem kurzen Weg von der weinbautreibenden Vorderpfalz zu den biertrinkenden Waldpfälzer Gebieten.

Während das Temperament der Rheinpfälzer sehr aktiv und aufgeregt zu sein scheint und auf einem kurzen Temperament und Lebendigkeit beruht, sind die Pfälzer auf den Hügeln eher entspannt, ruhig und brauchen viel Zeit, um sich zu begeistern.

Dementsprechend verändert sich die Philosophie mit den konsumierten Drogen: Das viel zu kleine Rotweinglas passt zu Hans-Georg Gadamer. Hier spürt man förmlich den Willen der Nachkriegsgeneration, nur kleine Brötchen zu backen. Es gibt noch mehr, was hier nicht zusammenpasst: Gadamer kommt ursprünglich aus Breslau. Aber er erwähnt nie etwas über das Schicksal der verlorenen Heimat. Er scheint sich oberflächlich an das Trollinger-ähnliche Schicksal des zersplitterten Baden-Württembergs angepasst zu haben .

In der Zeit von Hegels Heimatstadt Stuttgart hingegen war der Trollinger noch eine vergleichsweise schwere, aus Frankreich importierte Sorte, die auch ungewöhnlich schwieriges Denken erforderte.

Apropos Trollinger: Gibt es nicht eine gewisse intellektuelle Ähnlichkeit zwischen dem alles vernichtenden Weltgeist Hegels und dem moralischen Rigorismus der RAF-Führer aus derselben Region: Baader & Ensslin?

Ein Westpfälzer Biertrinker hätte sich für solche Ideen nie geöffnet: Er wäre lieber in der natürlichen Musikalität des Kuseler Landes geblieben, die sich in einem Talent wie Fritz Wunderlich besonders wunderbar entfaltet.

Die ganze Tragödie Nietzsches hingegen kann man nur verstehen, wenn man seinen Geburtsort besser kennt:

In der unbestimmten Landschaft zwischen Weißenfels und Leipzig gibt es keine Konturen: zu kalt für Wein, zu warm für Schnaps; man ist gezwungen, von fremden, unbekannten Genüssen zu träumen, denen man zwar nahe kommen kann, die aber letztlich nie Teil der eigenen Natur werden. Ob es die Extreme der Schweizer Alpen oder das reiche kulturelle Erbe Italiens sind, alles sehnt sich nach dieser weder Fisch noch Fleisch enthaltenden Landschaft des Nichtstuns und der Unentschlossenheit.

Hätte Nietzsches Denken das gleiche Extrem erreicht, wenn er in Mainz geboren worden wäre? Sicherlich nicht. Goethe, der mit Apfelwein aufgewachsen ist und sich in den Riesling-Weinbergen von Wiesbaden-Frauenstein verloren hat, wäre ihm sicher näher gestanden, und er wäre geistig eher bei Schopenhauer geblieben, dessen Name im Grunde „der, der viel Wein trinkt“ bedeutet.

Natürlich bleibt Kant, der sich jeder Kategorisierung entzieht, ein immerwährendes Rätsel. Aber wären Dostojewski oder Tolstoi ohne Wodka denkbar? Wie sonst ließe sich der Pragmatismus der englischen Philosophie erklären als durch warmes Bier? Und wer einmal die klärende Wirkung des japanischen Sake zu schätzen wusste, weiß die scheinbar übermenschlich schwebende Wirkung der Zen-Philosophie erst recht zu absorbieren.

Alles in allem zeigt sich jedoch, dass die Philosophie ihre wahre Blütezeit im Bereich des Weins, genauer gesagt im Bereich des Weißweins, fand. Ob Albert Schweitzer aus dem Edelzwicker und Gewürztraminer, Michel de Eyquem Montaigne aus Bordeaux (Weiß- und Rotwein), Rousseau aus Genf (Gutedel), Karl Marx aus Trier (Elbling, eine Art Ur-Riesling), der Weißwein scheint zu verführen und zu inspirieren, um die abendländische Art des Philosophierens zu fördern.

In diesem Sinne: Erheben wir das nächste Glas Wein im Namen der Philosophie!

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