Schönheit & Stadt


Schönheit & Stadt

Proportionen in Architektur und Musik

ADRIAN WERUM

awerum

10/23/20213 min lesen

Wenn ich von Stuttgart nach Cannstatt fahre, bin ich immer wieder überrascht und entsetzt über den Eingang, den man nach dem Überqueren der Neckarbrücke findet. Ein Gewirr von Unterführungen, Straßenbahnkreuzungen, überkomplexen Abbiegespuren und dahinter die etwas verloren wirkenden Häuserfronten der 4-5-geschossigen Stadthäuser, die zum Teil aus dem 19. Jahrhundert stammen und deren Bewohner sich beim Verlassen der Häuser jedes Mal fragen müssen, wer ihnen den Zugang zum Neckar geraubt hat.

Jetzt kann man einfach alles auf den Autowahn der 60er und 70er Jahre schieben und versuchen, sich vom eigentlichen Problem zu lösen. Dabei wird aber übersehen, dass auch die jüngsten Umbaumaßnahmen auf der Neckarbrücke mit dem Bau der neuen Stadtbahnhaltestelle und der Veränderung der Autospuren nichts an der eigentlichen Hässlichkeit geändert haben.

Schlimmer noch: Alle gut gemeinten Stadterneuerungsprojekte, von denen eines in Cannstatt zwischen Neckarufer und Cannstatter Innenstadt geplant ist, bieten die gleichen Lösungen:

Ein paar Bäume werden zwischen dem Beton platziert, damit sie so wenig Platz zum Wachsen haben wie ein Hamster in seinem Käfig. Und dann baut man Betonkuben, die eher dem Niedrigenergiekonzept entsprechen, die möglichst wenig Fenster, möglichst viele Ecken und möglichst bedrückende Austauschbarkeit und Multifunktionalität ausstrahlen.

Die grüne Stadt bleibt oberflächliche Kosmetik und die Kontinuität der gesichtslosen Hässlichkeit bleibt als Kontinuum des demokratischen Nachkriegsdeutschlands bestehen.

Aber warum ist das so?

Ich könnte noch viele weitere Beispiele zeitgenössischer architektonischer Hässlichkeit anführen und die Linie bis in die Nachkriegszeit zurückverfolgen.

Allen gemeinsam ist die reine Fokussierung auf scheinbare Funktionalität und Nutzen, die völlige Negierung des Menschen, der zwischendurch keine Funktionen zu erfüllen hat, sondern leben will.

Mehr noch als die bildende Kunst und die Musik, die etwas unabhängiger und individueller von den Normen der Gesellschaft sind, ist die Architektur auch ein Ausdruck der Werte, Denkweisen und Prioritäten einer Gesellschaft. Ironischerweise wird in diesen Tagen viel darüber gesprochen, wie man die Werte unserer Gesellschaft verteidigen kann, ob am Hindukusch oder gegen die AfD. In diesen Reden ist mir nie wirklich klar geworden, was mit diesen Werten eigentlich gemeint ist. Auch nicht, wenn jemand anderes als der Bundespräsident spricht.

Wenn die Architektur diese Werte verkörpern soll, sehen diese Werte jedenfalls nicht sehr attraktiv aus.

Aber was können Sie erwarten?

In der heutigen Gesellschaft muss sich alles der Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit unterordnen, und für Werte, die ich noch kenne und die mir persönlich etwas bedeuten, gibt es weder einen Platz noch eine Debatte darüber.

Sie steht noch immer über der Frankfurter Alten Oper: Auf das Wahre, das Schöne, das Gute

Ich möchte keine lange Debatte über alle 3 Begriffe führen.

Schönheit einzufangen ist schwer genug.

Und natürlich kann das bei jedem anders sein.

Aber wenn er nicht mehr als diskussionswürdiger Wert existiert, verlieren wir weiterhin den Menschen als zentralen Punkt, der einst in eine schöne Welt eingebettet war.

Vor ein paar Jahren fuhr ich nach einem Auftritt am Lago Maggiore an dessen Ostufer nach Norden und machte eine kurze Pause in der untergehenden Abendsonne, die ich über Cannobio genießen durfte. Die Sonne stand direkt über dem Tal, an dessen Ende sich die kleine italienische Stadt befand. Die Häuser und die zentrale Kirche wirkten winzig im Vergleich zu dem Bergmassiv mit seinen Kastanienwäldern, die bis zum See hinunterreichen. Der Übergang zwischen den Felsen und dem Ort, der sich zwischen dem See und dem Hügel einschmiegt, war kaum zu erkennen. Die Farben der Wälder, der Felsen und der meist aus Naturstein gebauten Häuser bildeten eine unglaublich harmonische Eleganz, in der Mensch und Natur gemeinsam an dieser schönen Landschaft bauen.

Eine kleine Reminiszenz an dieses Gefühl kann man auch in Stuttgart noch erleben, wenn man von der Uhlandshöhe oder vom Eugensplatz auf die Stadt blickt. Alle Gebäude aus gelbem Sandstein, egal aus welcher Epoche, passen sich in die Landschaft des Stuttgarter Beckens ein. Königsbau, ältere Wohnhäuser, sogar die postmoderne Nationalgalerie. Das Material ist entscheidend. Das Thema einer Fuge oder einer Sonate, der Stein eines Hauses, die Farben eines Gemäldes – das ist der Ausgangspunkt für alles. Und doch wird ihr zu wenig Bedeutung beigemessen.

Und was bedeutet klassisch in Musik, Malerei und Architektur?

Die Kunst der Proportion. Nichts gegen Beethoven, der mit seinen motivischen Themen die Grenzen der Belastbarkeit auszutesten versuchte. Dennoch blieb sie in einer elastischen, aber erkennbaren Form. Auch Architektur und Stadtplanung brauchen Augenmaß.

Es erstaunt mich, dass in all den Debatten um Neubaumaßnahmen in Stuttgart diese Themen nie angesprochen werden. Wenn man sich an die Verve erinnert, mit der die heimeligen Reste Stuttgarts nach dem letzten Krieg zerstört wurden, dann denke ich, dass es fast eine Art Selbsthass gegen die eigene Vergangenheit und Geschichte geben könnte. Heute, so scheint mir, ist es eher eine Geschichtsvergessenheit, eine Architektur, die ein sehr reduziertes Menschenbild hat, die Individualität fürchtet, wie sie noch bei Friedensreich Hundertwasser zu sehen war.

Seltsam, denn dieser Architekt mit seinen grünen Häusern, die sich dem rechten Winkel entziehen, hätte der Vater der modernen, umweltfreundlichen und menschenfreundlichen Architektur sein können.

Stattdessen steht sein Werk heute wie ein einsamer Monolith in der Phantasielosigkeit und Verzagtheit der, man muss leider sagen, da es international eine fantastische moderne Architektur gibt, deutschen Moderne.

Hoffen wir, dass das nicht so bleibt.