Marie Antoinette & Kanzler Scholz

Mäandernde Gedanken

ADRIAN WERUM

awerum

12/18/20216 min read

Hat es eine besondere Bewandtnis mit dem Zeitpunkt, zu welchem uns gewisse Bücher in die Hände fallen ? Vielleicht ebensowenig, wie die Geliebten meines Lebens eine auffällige Anhäufung von Geburtstagen im Zeichen des Löwen bis zur Waage hin haben. Wie dem auch immer sei, es ist in jedem Falle ein Hochgenuß, das literarische Talent Stefan Zweigs zu genießen, vor allem, wenn er sich einem solchem eigentlich völlig unliterarischen Thema wie dem Leben der Marie Antoinette annimmt.

Wieso unliterarisch? Wie Zweig selbst schreibt, war Marie Antoinette eine durch und durch uninteressante Person, mit keinem besonderen Interesse ausgestattet außer dem, sich möglichst oberflächlich zu amüsieren und sich alle tieferen und subtileren Aspekte des Lebens vom Leibe zu halten.Warum er trotzdem über sie schrieb?

Auch ein im eigentlichen Sinne gänzlich banaler Charakter kann durch die Zeitläufte in eine besondere Tragik gehoben werden, die ihn in ungeahnte Richtungen seines Charakters zwingt und die seinem Leben dann doch eine gewisse Größe gewähren.

Dies zu beschreiben, ist wahrlich keine leichte Aufgabe für einen Schriftsteller und Stefan Zweigs Talent zeigt sich gerade darin, daß er hier einen literarischen Aussichtspunkt findet, von dem er sowohl die großen Linien der Geschichte wie auch die Feinheiten der zwischenmenschlichen Dramen mit jeweils adäquater Genauigkeit und Nachsicht ziselieren kann.

Unvergleichlich fein webt er geduldig ein Netz aus Nahsicht und Weitsicht über das ausgehende 18. Jahrhundert, das den Leser Stück für Stück von der grob vereinfachenden Perspektive der Nachgeborenen entfremdet und einem ein unglaublich komplexes und vielschichtiges Sittengemälde einer untergehenden Epoche offenbart.

Ich habe keinerlei wissenschaftlichen Beweis für meine Parallelen, die ich mir hier erlaube, zu unserer Gegenwart im Jahre 2021 zu ziehen.
Überflutet von Nachrichten und Schnellschüssen in der Analyse, ist es kein leichtes Unterfangen, den Kopf freizubekommen für die großen Linien der Geschichte. Wie einfach war das noch vor wenigen Jahrzehnten, als die Welt sich an zwei großen Gesellschaftsentwürfen orientierte und alle, die nach etwas anderem suchten, sich dann doch darüber definieren mußten. Heute scheinen sich die Gesellschaftssysteme bis zur Unkenntlichkeit vermengt zu haben und die Suche nach Orientierung führt gleichzeitig in die Vergangenheit und in die Irre. 

Wunderbare Voraussetzungen für das Entstehen von etwas Vollkommen Neuem wie etwa der digitalen universalen Demokratie, wie ich sie gerne noch in einem weiteren Blog ausführen werde.

Scheinbar wurde die jetzige Konfusion ausgelöst durch eine Pandemie. Doch wenn man ehrlich ist, gehen die Ursachen viel tiefer. Eine auf Wachstum basierte Gesellschaft ist in vielerlei Hinsicht an den Grenzen Ihres Wachstums angekommen. Nicht nur bedingt durch die endlichen Ressourcen unseres Planeten, die gar nicht im Stande wären, uns beispielsweise alle mit Elektroautos zu versorgen. 

Der Kapitalismus hat sich in den westlichen Ländern schon seit 2008 ad absurdum geführt mit dem Beginn der Anleihekäufe durch die Zentralbanken und wurde unmerklich in ein bis dato undefiniertes Mischsystem überführt, daß weder Sozialismus noch Kapitalismus, unbedingt die nächste Krise, die doch für den Kapitalismus als solchen überlebensnotwendig wäre, verhindern will.

Die seitdem exponential gestiegene Verschuldung kann dabei von einer stetig alternden Gesellschaft realistischerweise gar nicht mehr abgebaut werden. Wie lange wir uns dabei in scheinbarer Sicherheit wiegen können und dabei traumwandlerisch wie über einen zu weit aufgegangenen Kuchenteig gehen, vermag ich am allerwenigsten zu sagen. Noch scheint alles in allerbester Ordnung zu sein und selbst Japan, bedingt durch seine Altersstruktur und die nichtexistente Einwanderung, das diesen Weg schon am längsten geht, wirkt immer noch wie ein gesunder, agiler Staat.

Was die Lektüre von Zweigs Marie Antoinette zeigt, ist die Unscheinbarkeit der vielen einzelnen Entwicklungen, die dann doch in so einem brutalen wie großartigen Ereignis der französischen Revolution gipfeln. Die finanziellen Exaltiertheit der Marie Antoinette für sich genommen hätte noch nicht zur Revolution geführt. Auch nicht der tumbe Charakter Ihres Mannes und Regenten von Frankreich, Louis XVI. Erst die jahrelange Fahrlässigkeit und Enthobenheit der damaligen regierenden Klasse von den Nöten der Bevölkerung, verbunden mit vielfältigen politischen und wirtschaftlichen Problemen führte zu einer Explosion, die sich lange genug anbahnte, deren Folgen aber niemand absehen konnte.

Nun sind wir heute in der wunderbaren Situation, daß sich die Menschen überaus gerne ungefiltert und schnell über alle vorhandenen Medien äußern, so daß durch diese Unbedachtheit auch oft ungewollt die Sprache die gedanklichen und charakterlichen Schwächen der Menschen hinter den Äußerungen verrät.

So teilte unlängst der Ministerpräsident von Baden-Württemberg seine Hoffnung, „endlich wieder normal regieren zu können“. Als ob Regieren eine große Kunst gewesen wäre in einer Zeit, in der es allen Menschen gut ging und die Automobilindustrie für reichlich Steuereinnahmen sorgte. Es tut mir auch leid, Ihm sagen zu müssen: diese Hoffnung wird sich nicht erfüllen und mit dieser Einstellung wird er vermutlich als tragische Figur enden. Der sächsische Ministerpräsident sorgte sich kurz darauf, daß die Menschen „nicht mehr die Wahrheit sehen können“. Gut, daß wenigstens er im Besitz derselben ist. Weiter geht es mit dem neuen Bundeskanzler Scholz, der netterweise vorübergehend kurzfristig von seinem Job als Unterabteilungsleiter im Finanzamt Hamburg-Süd an das Bundeskanzleramt ausgeliehen wurde. Er möchte auch ein „Kanzler der Ungeimpften sein“ und sieht doch „keine gespaltene Gesellschaft“.

Marie Antoinette hätte sich in Ihrem Rokoko Schloß Triamon anders ausgedrückt, doch die Weigerung, sich der gesellschaftlichen Realität zu stellen, ist erschreckend ähnlich . All dies für sich genommen läutet noch nicht den Untergang der Bundesrepublik ein. Und selbst wenn: hatten wir nicht im 20. Jahrhundert Kaiserreich, Weimarer Republik, Drittes Reich, Bundesrepublik und DDR, und haben doch überlebt? 

Es gibt aber noch andere feine Linien in dem sich bildenden Netz der Gegenwart, die alle zusammengenommen etwas vorbereiten, was noch nicht als positive Vision erkennbar ist. Angefangen mit Ländern wie Somalia, Libyen, Syrien, Libanon lösen sich staatliche Verbände entweder durch Kriege oder wirtschaftlichen Niedergang auf und es sieht nicht danach aus, als ob es neue Akteure gäbe, die die Kraft hätten, an die Stelle der vergangenen Autoritäten zu treten.

Neben dem Gewaltmonopol, das die Staaten hier verlieren, entstehen durch die Krytpowährungen Alternativen zum Geldmonopol des Staates. El Salvador hat sich hier zum Vorreiter gemacht und den Bitcoin als offizielle Landeswährung eingeführt. Für Länder wie Venezuela ist Dash zu einer Alternativwährung geworden, die dem Einzelnen zumindest einen gewissen Schutz vor der katastrophalen Wirtschaftspolitik der eigenen Regierung bietet.

Und selbst in so scheinbar hochentwickelten Ländern wie der Bundesrepublik Deutschland setzt man auf fahrlässige Weise das Vertrauen in einen freiheitlichen Rechtsstaat aufs Spiel mit einer Vielzahl von kleinen, ungeschickten Entscheidungen oder Begebenheiten, die in der Summe aber die ganze Gesellschaft auf ein abschüssiges Feld schicken, aus dessen nach unten ziehender Dynamik man nur schwer entkommen kann.

Menschliche Gesellschaften brauchen immer eine überzeugende Geschichte, die sie zusammen hält. Diese muß nicht unbedingt auf Tatsachen gründen oder einer wie auch immer gearteten Wahrheit entsprechen. Das war weder beim Kapitalismus noch beim Kommunismus der Fall. Ja, ganze Länder gründen auf diesen Geschichten, die, so scheint es mir fast, umso besser wirken, umso weniger sie der Wahrheit entsprechen.

Man denke nur an die Schweiz und den Rüetlischwur, eine gut erfundene Geschichte des Ausländers Friedrich Schiller, der die Schweizer heute noch bestärkt, sich quasi als geistige Nachkommen des gallischen Dorfes von Asterix und Obelix zu sehen und Ihre Eroberungskriege gegen die Italiener dabei geflissentlich zu verdrängen.

Oder man denke an das von jedem amerikanischen Präsidenten mißbrauchte Bild von den Vereinigten Staate als der strahlenden Stadt auf dem Hügel, die den armen unfreien und unterdrückten Menschen der andern Länder ein leuchtendes Vorbild sei.

Daß dafür bis zu 50 Millionen rechtmäßige Einwohner des Landes enteignet und abgeschlachtet wurden, denen man natürlich kein Holocaust Museum widmet, wird als quasi notwendiges Übel auf diesem glorreichen Weg als Kollateralschaden der Geschichte beiseite gefegt.

Man sieht also, Geschichte müssen nicht wahr sein. Sie müssen nur gut sein und die Menschen müssen daran glauben. 

Doch der Glaube an eben diese nationalen Geschichten, die die eigene Überheblichkeit rechtfertigen sollen, stirbt zur Zeit auf der ganzen Welt. Nicht überall in gleichem Maße und auch nicht vollkommen gleichzeitig. Der Trend mag vielleicht auch noch schwer erkennbar sein bei der Generation, die jetzt noch die Fäden der Macht zusammenhält. Allzu lange wird es aber nicht mehr dauern, bis diese Rinnsale sich zu einem größerem Strome vereinigen und dann wird die Dynamik nicht mehr umkehrbar sein.

Wenn die französische Revolution einen Hinweis darauf gibt, was uns heute erwartet, dann sehen wir aufregenden Zeiten entgegen. Und vielleicht wird es wieder jemanden geben wie den 1778 noch unscheinbaren Schauspieler Collot d’Herbois, der zur Geburt des Thronfolgers von Marie Antoinette noch ein Preisgedicht schrieb, um dann 11 Jahre später als Präsident der Jakobiner die Todesurteile für das königliche Paar zu unterschreiben.

Hoffen wir, daß uns der Schrecken der Guillotine und die Grauen der großen Kriege für diese zukünftige Zeit erspart bleiben und daß wir den Wandel mit Großherzigkeit und wahrer Menschlichkeit willkommen heißen.